Folgender Beitrag ist die Zusammenfassung eines Vortrages vom Verfasser am 30.04.2007 im K4/Nürnberg im Rahmen der Ausstellung "Das Runde muss ins Eckige-LP Coverart"

Oguzhan Çelik

Soul LP Cover Art aus den 60ern und 70ern


I. Was ist Soul?

Obwohl dies den meisten Lesern doch als eifrigen Hörern gerade dieser schwarzen Musik wohl äußerst klar sein dürfte, halte ich doch einige erläuternde Worte über die Entwicklung vorab für erforderlich. Gerade die daraus resultierenden Besonderheiten für die Covergestaltung von Soulplatten, die diese speziell von den anderen Entwicklungen der schwarzen Musik in den USA unterscheiden, macht diese Heraushebung notwendig. Die ersten Stücke in Richtung Soul entstanden in den späten 50er und frühen 60er Jahren aus einer großen Mischung aus Rhythm and Blues aus den Tanzhallen (damals DIE populäre Musik der Schwarzen in den USA), Gospelchören aus den Kirchen (die natürlich stets besucht wurden), DooWop von den Straßenecken der Großstädte im Norden (in die es gerade zu dieser Zeit die verarmten Schwarzen aus dem Süden auf der Suche nach Arbeit zog) und eine Spur Jazz als abschließende Note aus den Bars und Studios. Bis damals innovativ tätige R'n'B Künstler wie Ray Charles oder James Brown nahmen auf ihren Stücken, die den Weg zum Soul mitebneten, zu dieser Zeit die ungehobelte, rauhe Härte des Rhythm and Blues heraus und ersetzten sie durch die bis dahin nur im Gospelgesang und DooWop verwendeten glatten Choralharmonien. Gleichzeitig wurden die teilweise doch äußerst obszönen Texte des R’n’B, in denen es vornehmlich um schnellen Sex und berauschte Nächte ging, durch die säkularisierten Themen des Gospel, die sich mit Liebe, Verantwortung und Seelenheil beschäftigen, ersetzt. Es ging nun also vornehmlich darum, seinen inneren Gefühlen, seiner Seele, Ausdruck zu verleihen, weswegen folgerichtig diese neu erschiene Musikform SOUL genannt wurde.

Selbstverständlich veränderte sich neben dem Gesang und den Ausdrucksformen auch die zu Grunde liegende Musik. Die brachiale ungeschliffene Härte des R'n'B wurde aus obigen Harmoniegründen in kontrollierte Bahnen gelenkt und an Stelle der bisherigen rauhen Energieausbrüche des R'n'B ein mit Harmonien geschliffenes Musikwerk erstellt. Wie sich dieser Unterschied auswirkt, läßt sich sehr gut an dem von vielen als erstes Soulstück überhaupt bezeichneten Song "For your precious love" von den ROOSTERS (später sehr bekannt geworden als IMPRESSIONS) aus dem Jahre 1959, komponiert von CURTIS MAYFIELD (der damit nicht nur den CHICAGO SOUL sondern gleichzeitig auch die Ära des SOUL überhaupt einläutete) erkennen.

II. Soul LPs

Zu Beginn der Soul Ära in den frühen 60ern war die LP mit ihrem dazugehörigen Cover noch ein neues Medium. Die gewöhnliche Veröffentlichung von Soulstücken erfolgte als Single mit einem Hauptstück auf der A und normalerweise einer dubiosen Zugabe auf der B-Seite. Die Vinylsingle hatte in den 50ern die Schellack 10" Scheibe als Tonträger abgelöst und konnte relativ kostengünstig, auch bei geringeren Auflagen, produziert werden. Die Singles hatten jedoch durchweg, und vor allem in den 60ern, keinerlei Cover. Sie wurden höchstens von den größeren Labels, besonders MOTOWN, in bedruckte Company sleeves der jeweiligen Label gesteckt.

Hatte ein Soulkünstler dann im Laufe seiner mehr oder minder erfolgreichen Karriere dann schon einige Singles auf den Markt gebracht, so gingen manche Labels einen Schritt weiter und veröffentlichten dann auch Langspielplatten ihrer Interpreten. Dies blieb jedoch im ganzen Verlauf der 60er ein Privileg der größeren Plattenfirmen, zumeist aus den großen Zentren wie Detroit, Chicago und New York, denn die Produktion einer LP erforderte nicht nur ein genügende Anzahl von Songs sondern auch wesentlich mehr Geld als die Produktion einer Single. Deshalb sind auch kaum LPs von den unzähligen kleinen Soullabels aus dieser Zeit vorhanden, denn sie konnten es sich in der Regel überhaupt nicht leisten. Der Soul LP Markt war somit fest in den Händen der großen Labels wie MOTOWN aus Detroit, OKEH und ABC aus Chicago oder ATLANTIC aus New York. Als einzige Ausnahme zu den Großstädten des Nordens brachte auch das STAX Label aus Memphis aus dem Süden der USA, als erfolgreichstes Soulunternehmen neben MOTOWN, LPs heraus. In der Regel beinhalteten diese LPs zumeist nur eine Zusammenstellung von schon erschienen Singleveröffentlichungen und firmierten unter den mittlerweile nicht mehr wegzudenkenden "Greatest Hits" Alben. Erst nach und nach gestanden die Labels den LP-Käufern auch speziell für die LP aufgenommene Songs als Bonus zu. Im Laufe der Zeit, und zunehmend während den 70ern, wurde es auch für kleinere Labels und immer mehr Künstler geradewegs zu einer Pflicht nach ein oder zwei Singles eine LP mit weiteren Stücken herauszubringen, da neben dem Single- der LP Markt eine immer wichtigere Rolle spielte. Dem ganzen wurde dann aber gegen Ende der 70er mit dem einsetzenden Disco Boom und der 12" Maxi der Boden entzogen, was für die goldene Soulära auch gleichzeitig das Ende bedeutete. Soul als DIE Tanzmusik des schwarzen Amerikas wurde erbarmungslos von Disco abgelöst.

III. Coverart

Da die Soulära nahezu gleichzeitig mit dem Erscheinen der LP als neues Medium begann, waren die stilistischen Mittel zur Covergestaltung von Soulplatten ein ebenso neues Feld. Allen war aber gemein, dass in den Anfangstagen stets die Interpreten vor einer mehr oder weniger gelungenen Kulisse abgebildet wurden. Als ein klassisches Cover aus dieser Zeit kann die "Greatest Hits of the Impressions" aus dem Jahre 1963 auf ABC PARAMOUNT gezählt werden.

Mayfield und seine zwei Mitsänger posieren als elegantes Trio in stilvollen Anzügen und adretter Kurzhaarfrisur als vollendete Gentlemen, was auch hervorragend zum Klang der mit komplexen Streicher- und Bläserarrangements geschliffenen LP paßt. Auch visuell sollte damit die Eleganz des Soul im Vergleich zum R'n'B dokumentiert werden, dessen Interpreten zu Anfang als Bilderbuch-Schwiegersöhne oder –töchter durchgegangen wären. Das benannte Impressionscover diente in der Folgezeit als Vorlage für weitere Gruppen, unter anderem auch für Bob Marley und den WAILERS auf ihrer ersten LP 1965 (?).

Durch die Möglichkeit der Covergestaltung konnten erstmals auch die schwarzen Interpreten als Afroamerikaner ihr Gesicht auf ihren Veröffentlichungen präsentieren. Bis dahin waren, wie schon ausgeführt, Cover völlig unüblich, so daß der Käufer nicht-weißer Musik (in den USA bis in die 60er als "Race-Music" bezeichnet) mangels sonstiger Präsentationsmöglichkeit nicht wußte, wie die Künstler aussahen. Während die Cover der Labels aus den Großstädten des Nordens ihre Künstler stets in ein urbanes Umfeld mit glitzernden Großstadtlichtern und noblen Autos setzten, setzte sich STAX aus dem ruralen Süden dadurch ab, dass es die Interpreten eher in der freien Natur oder auf Feldern darstellte. Beiden Richtungen war aber bis in die späten 60er anzusehen, dass die afrikanischen Wurzeln ihrer Interpreten nicht zu sehr in den Vordergrund gelangen sollten. Durch ihre größere Kaufkraft bestimmte eine weiße Käuferschicht zunehmend die Verkaufszahlen der LPs, die deutlich mehr Geld kosteten als die gewöhnliche Single. So ist es doch sehr auffallend, dass eigentlich alle Sängerinnen auf den Covern der 60er ihre Haare glätten und wie bei weißen Künstlerinnen frisieren ließen, während die männlichen Kollegen neben adretten Kurzhaarschnitten, die keinen Afro erahnen ließen, gerne auch zu Pomade und Tollengestaltung auf Rock’n‘Roll Art zurück griffen. Vor allem MOTOWN unter Berry Gordy, paradoxerweise das bis heute erfolgreichste schwarze Unternehmen der USA, schielte verstärkt auf den weißen Mainstream-Markt und verordnete den Künstlern, gut zu ersehen auf den LPs vor allem der SUPREMES und TEMPTATIONS aus den 60ern, ein derartiges Auftreten auf den LP-Hüllen.

Neben der fotografischen Wiedergabe waren auch gemalte Cover der Interpreten im Stile der gemalten Kinoplakate der 50er sehr populär, da es damals noch günstiger war ein komplettes Cover zu malen als die Fotoarbeiten zu bezahlen, wie z.B. "Easy" von MARVIN GAYE & TAMMI TERRELL. Häufig wurden für die Vorderseite auch in Form und Farbe modifizierte Buchstaben verwendet, während die Interpreten auf der Rückseite abgebildet wurden, wie z.B. auf "Monkey Time" von MAJOR LANCE.

Leider wurden bei den LPs in den 60ern grundsätzlich die beteiligten Studiomusiker, die ja den Sound des Soul prägten, so gut wie nie erwähnt, geschweige denn auf der Hülle abgebildet. Ausnahmsweise machte gerade MOTOWN, das wie die anderen Labels mickrige Löhne für die Studiomusiker zahlte (obwohl gerade diese der Garant für den Erfolg waren), mit ihren Instrumentalalben von JR.WALKER, wie z.B. "Soul Session" eine Ausnahme. Diese waren einmalige Möglichkeiten Musiker bei der Arbeit zu betrachten und keine posierenden Sänger/Sängerinnen vor fiktiven Hintergründen, die mit dem schwarzen Alltag nichts gemein hatten.

Im Laufe der 60er und zunehmender Politisierung durch die Bürgerrechtsbewegung vor allem in der schwarzen Community, zeichnete sich auch in der Gestaltung der LP-Cover ein verändertes Selbstbewußtsein der Schwarzen ab. Die bis dahin verschmähte Afrofrisur trat immer stärker in den Vordergrund. Teilweise in verspielt gemalter Popart wie auf "Tighten Up" von ARCHIE BELL & THE DRELLS von 1968, zeigten jedoch auch bisher stets freundlich dreinblickende apolitische Acts wie die FOUR TOPS auf Platten wie "On Top" von 1969 unter strengen bis aggressiven Blicken, dass sie nicht mehr gewillt waren, die rassistische Unterdrückung in den USA hinzunehmen. An Stelle eines Anbiederns an die weiße Gesellschaft wurde der neue Stolz auf die afrikanische Herkunft zur Schau getragen und das "Schwarz-sein" nicht mehr als Makel sondern als etwas Positives betrachtet, dem vor allem der Slogan BLACK POWER gerecht wurde.

Im Zuge dieses neu erstarkten Selbstbewußtsein zeigten sich auch die Sängerinnen verstärkt als selbstbewußte Persönlichkeiten, die es sich nicht mehr bieten ließen schlechter als ihre männlichen Pendants behandelt zu werden. Man nehme nur einmal "Black Magic" von MARTHA REEVES & THE VANDELLAS zur Hand, um zu sehen, dass die Damen nicht zu Späßen aufgelegt waren.

In dieser Phase nahm man für die Cover auch außerhalb der schwarzen Community liegende künstlerische Tendenzen in Design und Gestaltung auf. So sieht man beispielsweise auf der „The sly, slick and the wicked“ von LOST GENERATION auf der Vorderseite eine durch psychedelische Farben und Buchstaben modifizierte Straßenszene, während auf der Rückseite die vier Künstler ohne den Hauch einer freundlichen Geste neben einem Baum posieren. Interessanterweise besteht die LP aus 10 lupenreinen Lovesongs ohne weitere politische Aussage.

In der Folgezeit kamen neben Abbildungen der Interpreten immer mehr Darstellungen vom häßlichen Alltagsleben der Schwarzen auf die Vorderseite der LPs, in denen schonungslos die Armut und gleichzeitige Verwahrlosung der schwarzen Viertel durch Drogenhandel, Gangwesen und Prostitution dargestellt wurde (in melodramatisch gelungener Manier auf "Preacher Man" von den IMPRESSIONS).

Bizarrerweise zeigten aber gleichzeitig die Künstler, beispielsweise AL WILSON abgebildet im Nadelstreifen mit zwei anschmiegsamen aufgedonnerten Damen und 30er Jahre Nobelkarosse auf "Show and Tell", dass sie es als Farbige in der rassistischen Gesellschaft der USA zu etwas gebracht haben.

Zunehmend geraten dabei aber die politischen Aussagen in den Hintergrund und es verbleibt dann gegen Mitte der 70er bei der materialistischen Erfolgsaussage die aber mit gewohnten Mitteln wie z.B. gemalten Covern weitergestaltet wird. Kurz vor dem endgültigen Durchbruch von Disco waren die LP Cover von Soul Acts der Mittsiebzieger wie den TAVARES nur noch zu Abbildungen von Unterhaltungsmusikern ohne politische Aussage verflacht, denn das Tragen von Afros wie auf der „Sky High“ von TAVARES ist nichts mehr weiter als ein Modemerkmal. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass in dieser Spätphase die Soul Covergestaltung sich eigentlich kaum noch von den Covern der Disco-Scheiben unterschied und die große Zeit des Soul und der dazugehörigen Plattengestaltung damit zu Ende ging.

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